DER HEILIGE GEIST BRICHT SICH BAHN

Predigt über Apg. 2,1 – 18

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
muss das schön gewesen sein – damals in jenem Haus in Jerusalem vor etwa 1980 Jahren! Ein Ruck ging durch die Gemeinde. Ein mächtiger Wind, ein Begeisterungssturm erfasste die Gläubigen. Mit einem Schlag wurden Grenzen zwischen Menschen verschiedener Nationen niedergerissen. Menschen unterschiedlicher Sprachen verstanden plötzlich einander. Entsetzen und Verwunderung breiteten sich aus, weil die vom Geist Erfüllten wie verklärt wirkten, wie erfasst von einer göttlichen Kraft. Allerdings hielten manche sie auch für betrunken, wie Lukas zu berichten weiß. Stark, überwältigend stark muss dieses Erleben am ersten Pfingsttag der Urgemeinde gewesen sein; so überwältigend, dass viele den Heiligen Geist meinten wie Feuer sehen zu können, das sich in der Form von Zungen auf die Häupter der Begeisterten setzte. Wie schön muss das gewesen sein und wie begeisternd! Ein Pfingstfest, bei dem Gottes Geist mit allen Sinnen erfahren wurde: Er wurde gehört. Er wurde gesehen. Er wurde gefühlt. Er wurde deshalb auch geglaubt.

Was geschah damals an jenem ersten Pfingstfest der Kirche? Das Gegenteil von dem, was sich einst beim Turmbau von Babel ereignete. Damals in Babel wurden die Sprachen der Menschen verwirrt, weil die Menschen in ihrer Selbstüberschätzung mächtig sein wollten wie Gott. Ihr Turm sollte bis an den Himmel reichen. Dieses Gott verachtende Werk wurde vereitelt, weil die Menschen plötzlich nicht mehr einander verstehen konnten. Nun an Pfingsten wurde durch Gottes Heiligen Geist wieder zusammengefügt, was zusammengehört in der großen Menschheitsfamilie. Es wurde die Grundlage gelegt für eine weltweite Kirche – über alle Grenzen der Kulturen und Sprachen hinweg. Das Christentum wurde sozusagen interkulturell. Grenzen wurden überwunden, die Menschen bisher voneinander getrennt hatten.

Immer wieder höre ich die Klage, man könne mit dem Pfingstfest und mit dem Heiligen Geist nichts anfangen. Das alles sei so abstrakt, so theoretisch. Unser Predigttext lehrt uns das Gegenteil: Es gibt nichts Konkreteres, es gibt nichts Anschaulicheres, es gibt nichts Sinnlicheres als den Heiligen Geist. Wenn wir erst einmal begriffen haben, dass der Heilige Geist eine Kraft Gottes ist, die Gott nicht für sich behält, sondern die er austeilt an Menschen in dieser Welt, dann kann der Heilige Geist gar nichts Abstraktes sein. Dann geht er ein in das Leben und Wirken von Menschen. Dann wird er greifbar, anschaulich, sichtbar – auch im Leben einer Gemeinde.

Werfen wir doch einen Blick auf unsere Gemeinde:
Da treffen sich Frauen zum Morgenlob, beten und singen Gott zur Ehre.
Da laden Frauen zum Frauenfrühstück ein und schaffen eine wunderbare Atmosphäre der Gastfreundschaft.
Da tritt regelmäßig der Kirchengemeinderat zusammen, um die Arbeit der Gemeinde zu planen und zu strukturieren.
Da versammeln sich Mittwoch für Mittwoch Männer und Frauen im Kirchenchor, um Chorstücke einzuüben, mit denen sie den Gemeindegottesdienst beleben – wie heute Morgen.
Da spielt der Organist – beflügelt und beschwingt – und motiviert Menschen zum Singen.
Da engagieren sich Männer und Frauen, um über mehrere Wochen einen Mittagstisch anzubieten, damit Menschen „gemeinsam statt einsam“ ihr Essen einnehmen können.
Da machen sich Männer, Frauen und Kinder auf den Weg, um als Wandergruppe die Schöpfung Gottes zu genießen und dabei für einige Tage das Leben miteinander zu teilen.
Da taufen die Pfarrerin und die Diakonin Kinder und begleiten Konfirmandinnen und Konfirmanden auf dem Weg ins Erwachsenwerden.
Da werden Brautpaare für ihren Lebensweg gesegnet und Verstorbene mit einem Gottesdienst dem Frieden Gottes anvertraut.
Da engagieren sich Männer und Frauen für Flüchtlinge, die in dieser Gemeinde angekommen sind oder bald ankommen werden.
Und, und, und …

All das, was ich eben genannt habe, das können wir als ein alltägliches menschliches Handeln bezeichnen. In all diesem aber wirkt zugleich Gottes Heiliger Geist – ganz konkret. Ganz fassbar. Gottes Geist befähigt auch in unserer Gemeinde Menschen, Grenzen zu überwinden, auf Neue und Neues zuzugehen, neue Erfahrungen miteinander zu machen. Nichts ist konkreter in unserem christlichen Glauben als der Heilige Geist. Wie schon in der Urgemeinde der Heilige Geist Menschen verschiedenster Herkunft zusammenführte, so prägt dieser Geist der Verständigung auch das Leben unserer Gemeinde, sicher nicht so spektakulär wie damals in Jerusalem. Aber auch an diesem Ort wirkt der Heilige Geist dadurch, dass er Menschen bereit macht, ihre Kräfte der Gemeinde zur Verfügung zu stellen.

Leider nehmen wir dieses Wirken des Heiligen Geistes oft gar nicht wahr. Schlimmer noch: Wir haben uns daran gewöhnt, das Wirken des Heiligen Geistes in unserer Kirche durch Konventionen zu bändigen. „Bloß kein Experiment!“ – das ist nicht selten der ungeistliche Slogan mancher Gemeinden und Kirchenleitungen. Aber der Heilige Geist wird nicht selten auch gebändigt durch eine enge bürgerliche Frömmigkeit, die vielen Menschen in unserer Kirche die Luft zum geistigen Atem nimmt. Schliesslich wird der Heilige Geist auch gebändigt durch einen beschränkten Vernunftbegriff, der nur das für wirklich hält, was sich unserem Verstand erschließt. Der Heilige Geist ist aber kein vernünftiger Geist, er hat etwas Chaotisches an sich, etwas Beunruhigendes. Warum nur soviel Angst in unserer Kirche vor dem Ungeordneten und auch Unordentlichen? Der Heilige Geist bricht sich Bahn. Er kümmert sich nicht um unsere Regeln, die wir aufstellen. Er kann in ganz neuen Formen der Frömmigkeit und der gemeindlichen Arbeit Gestalt gewinnen. Der Heilige Geist ist eine unbändige Kraft, die hineinwirkt in unser persönliches Leben, in unsere Familien, in unsere Kirchen, in unsere Gesellschaft. Soll das Hören auf die Pfingstgeschichte des Lukas mehr sein als eine nostalgische Erinnerung an frühere begeisterte Zeiten der Urkirche, dann muss dieses Hören uns frei machen von jeder falschen Bändigung des Heiligen Geistes und all unsere Sinne öffnen, um neu wahrzunehmen, wie und wo Gottes Geist wirkt.

Trauen wir doch dem Heiligen Geist mehr zu. Trauen wir ihm zu, dass er uns begeistern, verändern, befreien kann. Dieser Geist ist es, der Menschen zu mutigen Schritten bewegt. Der unserem Leben Halt und Orientierung gibt. Der unseren Glauben stärkt an Gottes Güte, die so weit reicht, wie der Himmel ist, und an seine Wahrheit, die so weit ist, wie die Wolken gehen. Der Sonntag für Sonntag Menschen an diesem Ort zu einer Gemeinde zusammenführt – zum Lobpreis Gottes, zum Singen und Beten, zum Predigen und Schweigen. All das, was wir im Gottesdienst tun, aber eben auch in den Kreisen und Gruppen unserer Gemeinde, all dies geschieht ja nicht nur und vorrangig, weil wir damit kirchliche Konventionen pflegen oder Traditionen weiterführen. Es geschieht in der Hoffnung und Erwartung, dass Gottes Heiliger Geist wirkt – in Gebet und Gesang, in erlebter Gemeinschaft und im Engagement für andere. Unser gottesdienstliches Feiern und all unser Tun in dieser Gemeinde soll und kann so geschehen, dass es Raum lässt für das Wirken des Heiligen Geistes.

Deshalb haben wir mit der Bitte um den Heiligen Geist den Gottesdienst begonnen. Deshalb singen wir heute Pfingstlieder, die fast allesamt Lieder sind, mit denen wir darum bitten, dass der Heilige Geist uns erfassen möge.
Durch die Erinnerung an das Wirken des Heiligen Geistes in der Urgemeinde von Jerusalem lassen wir uns in der Predigt stärken.
Und mit der Bitte um den Heiligen Geist werden wir nachher den Weg in unseren Alltag antreten.
Ja, der Heilige Geist ist etwas ganz Konkretes – in unserem Leben wie in unseren Gottesdiensten. Wir können den Heiligen Geist spüren, hören, sehen. Er erfüllt uns, wenn wir im Namen Jesu Christi Gottesdienst feiern, Gemeinschaft pflegen und eingefahrene Geleise verlassen. Darum: Dämpfet den Geist nicht, denn er kann begeistern, kann verändern, kann befreien, kann retten – uns, unsere Kirche, unsere Welt. Welch eine schönere, welch eine ermutigerende Zusage könnte es denn geben an diesem Pfingstfest. Schenke Gott uns allen seinen Heiligen Geist. Amen.

Predigt gehalten von: Landesbischof i.R. Dr. ULRICH FISCHER

https://www.youtube.com/watch?v=QcXShTOiBf8

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